Als ich vor langer, langer Zeit aus Italien zurück kam, wo ich für ein halbes Jahr zum Studium war, da habe ich eine Sache begriffen: wir brauchen warme Herzen – ein cuore caldo, wie die Italiener sagen – um die Wärme in die Seelen zu tragen und unsere Intention rein zu halten. Wir brauchen diese Wärme aber auch einfach, um zu leben: gut, glücklich, in Liebe, ganz. Und zu diesem schönen Lebensfluss gibt es eine simple, aber mächtige Sache: die Umarmung.
Alessandria – Pforte zum Himmel
Alessandria liegt im Piemont, im Nordwesten Italiens, eine Stadt eingebettet zwischen Genua, Milan und Turin, ohne die touristische Anziehungskraft dieser drei. Als Stadt hat Alessandria nicht viel zu bieten: kein Meer, keinen Dom, keinen wunderschönen Fluss – ein Kuhdorf hat es eine Mitstudentin genannt. Wir – eine Gruppe von ca 15 Erasmusstudentinnen – waren dort Exoten. Vor uns gab es noch nie Erasmusstudenten, Ausländer an der Uni Amedeo Avogadro.

Doch für mich ist Alessandria die Pforte zum Himmel. Nicht nur, weil die Italiener mir das Geheimnis der occhi celesti verraten haben, sondern auch, weil ich dort so viel Zärtlichkeit erfahren haben, wie noch nie zuvor. Ja, auch hier war ich immer schon von netten, liebevollen Menschen umgeben. Aber die Italienerinnen hoben das auf die nächste Stufe.
Freundinnen..
..in Italien sind sich nahe – auch körperlich. Man umarmt sich – echte Umarmungen. Man sitzt nebeneinander auf der Couch und berührt sich dabei. Es ist normal berührt zu werden und nichts dabei ist anzüglich.
Männer und Frauen gehen eher auf Abstand, ja, Italiener pfeifen, machen Komplimente, aber körperlich kommen sie einer Frau nicht zu nahe.
Doch untereinander und in Familien habe ich so viele herzliche Berührungen erlebt, dass mein Herz ein cuore caldo, ein warmes Herz wurde.
Die Wissenschaft dahinter
Nähe ist essentiell für die gesunde Entwicklung des Menschen. Wir wissen auch, dass die letzten Jahre mehr Herausforderungen mitgebracht haben, als öffentlich breit diskutiert wird. Kinder und Jugendliche zum Beispiel haben verlernt Emotionen zu lesen und zu deuten – weil sie zwei Jahre lang keine Gesichter sahen.
Sie haben nicht nur das verlernt, in manchen wurde auch eine wesentliche Gehirnentwicklung nicht vollzogen, die zwischen dem 12. und 14. Lebensjahr stattfindet. Die soziale Bindung produziert sie und sie kann nur in dieser Zeit entstehen. Was geschieht, wenn das nicht ist? Die Kinderpsychiatrie.
Körperkontakt – echt, herzlich, rein, und abschtslos, ist essentiell. Und wir alle wissen es. Was tut eine Mutter, wenn ihr Kind krank ist? Sie nimmt es in den Arm, legt ihm die Hand auf den Bauch oder küsst es dort, wo’s wehtut. Was tut man, wenn jemand Herzschmerz hat? Man hält ihn.
Oder besser: man tat
Denn sehr oft ist es heute so, dass wir Menschen weniger halten und mehr beraten, coachen. Ein Herz erfährt Wärme nicht durch einen Pep Talk, also ein motivierendes Gespräch nach dem Motto: wird schon wieder. Oder: du findest halt einen neuen Partner, es schwimmen viele Fische im Meer.
Das bricht Herzen und lässt sie vereinsamen. Denn eines fehlt hier: die Akzeptanz. In der Akzeptanz heilen Dinge, im Pep Talk entstehen nachweislich Stresshormone, Isolation und innere Kälte. Die Kraft der Heilung liegt immer in der Akzeptanz. Und ein gebrochenes Herz, ein gebrochener Mensch, der erfährt, dass er immer noch angenommen wird, der wird heilen. Dazu braucht es weniger Worte und mehr Taten.

